Das eigentliche Problem war seine angeborene Unfähigkeit, Gedanken zu begreifen, die eine Frau geäußert hatte; er zog sich in ein inneres Refugium zurück, das immer stickiger zu werden schien [...]
Jonathan Franzen: Die 27ste Stadt
Solskin - 10. Jun, 11:37
Die Woche war anstrengend und bleibt es auch. Mein Hirn ist leer, meine Gedanken im Urlaub, meine Beine sind wie einbetoniert.
Elend....
Solskin - 8. Jun, 16:55
Was ist ein narf?
Ein narf ist der symbolische Mittelfinger, das sinnbildliche Kotzen auf unangenehme Dinge, das Seufzen der gepeinigten Kreatur angesichts einer schier unlösbaren Aufgabe, enorm unnötigen Plackerei, tausendfach langweiligen Ergießerei über die Wirren der kanadischen Postmoderne usw.
Das narf ist mein Freund. Auch außerhalb des universitären Alltags ist das narf vielfach einsetzbar: bei leeren Kühlschränken, fehlenden Kopfschmerztabletten, Anrufen aus der Hölle vom Hauptbahnhof. Überall passt es hinein. Leise, laut, geschrieben, von Hand oder am PC, gemurmelt, geächzt, gedacht.
Es ist schöner als jedes gflzkeltnkjheoiftuhwrt, als jedes f*** oder f*****, als jedes Fluchen mittels religiöser Symbole, das narf ist der große und starke Bruder des gnaaaaaaaa, die letzte Bastion des Seelenfriedens in einer sich viel zu schnell drehenden Welt.
Hoch lebe das narf.
Solskin - 4. Jun, 20:45
Hier nun, wie versprochen, ein Update mit weiteren Seltsamkeiten auf der Welt, diesmal alle geschehen in meiner momentanen Wahlheimat.
1. Autofahrer
Sie lieben ihre Hupen, je schriller diese sind und je öfter sie draufhauen können, umso besser. Ob sie nun im Recht sind oder ob es überhaupt notwendig ist, die Hupe als Warnsignal zu betätigen, fragt sich scheinbar keiner. Folgendes ereignete sich heute am späten Nachmittag auf einer der größeren Kreuzungen der Innenstadt:
Das Touristentuckerbimmelbähnchen bog nach rechts ab, als seine Ampel grün zeigte. Dieses Bähnchen ist höchst langsam, deswegen versuchte der direkt dahinter fahrende Stadtbus sich irgendwie an dem Bähnchen vorbeizudrängeln und blockierte für einen kurzen Moment die Fahrbahn, was dem anderen Bus hinter dem Stadtbus widerum den Schwung für dessen Linkskurve zu nehmen schien. Der Busfahrer des letzten Busses stand jedoch definitiv zu weit auf der Kreuzung um 1. zu sehen, ob seine Ampel nun wieder rot war und 2. um noch anzuhalten. Was lernt man schon in der Fahrschule? Bevor du mitten auf einer Kreuzung stehst, weil deine Ampel wieder rot ist, fahr um Gottes Willen trotzdem weiter. So tat dies auch der Busfahrer, nachdem er dem anderen Stadtbus wild und FÜR ALLE HÖRBAR nachgehupt hatte. Währenddessen war die Ampel für beide Geradeausrichtungen wieder auf grün gesprungen, doch die meisten der Autofahrer hatten bemerkt, dass da ein wirklich sehr großer Stadtbus noch über die Kreuzung zu fahren hatte. Alle, bis auf eine Frau, die wie ein vergifteter Affe bei grün mit ihrer Kiste losraste und um ein Haar in den dicken Bus gekracht wäre. Was tat diese Frau, anstatt sich mal umzuschauen? Erst einmal hupte sie, ca. 6 Mal. Hätte sie in ihren Rückspiegel geblickt, hätte sie gesehen, dass alle anderen Autos stehengeblieben waren. Kopfloses Fahren deluxe, man ist ja völlig alleine auf der Welt...
Warum kriegen eigentlich ausschließlich Frauen solche belämmerten Aktionen hinterm Steuer hin? Wieso?
2. 10 Meter weiter
Dort befindet sich ein Geschäft für Teppichwaren, angeblich teure Orientartikel. Ich kann das schlecht beurteilen, da ich nur 4,90 Euro Teppiche einer schwedischen Möbelkette besitze. Wie dem auch sei, ich lief an eben jenem Teppichschaufenster vorbei und erblickte eine wie versteinert dastehende Frau mittleren Alters im Laden, die aussah, als wäre ihr Tod bereits unaufhaltsam. Sie stand merkwürdig nach vorne gebeugt und hielt sich mit der rechten Hand am Türgriff der Ladentür fest. Ich wurde neugierig. Musste die Dame auf Toilette oder wieso bewegte sie sich keinen Millimeter? War sie erschöpft? Immerhin guckte sie mehr als leidend. Hatte man ihr gerade einen 1000 Euro teuren Teppich aufgeschwatzt? Langsam, wirklich sehr langsam lief ich am Schaufenster vorbei. Die Dame blinzelte nicht. Sie wackelte nicht. Sie stand da wie....ja, wie eine Schaufensterpuppe. Nun überlege ich, ob das nicht vielleicht doch eine, wenn auch etwas arg merkwürdig aussehende, Schaufensterpuppe gewesen sein könnte. Wer weiß, heutzutage gibt es eben allen möglichen Mist. Aber wieso würde man eine hutzelige alte Frau mit Falten und glasigen, leidenden Augen und verstörtem Gesichtsausdruck in ein Schaufenster, nein, besser, an die Tür seines Geschäfts stellen? Mein Verdacht, dass das keine echte Frau sei, wurde genährt, als ich von meinem Minieinkauf (dauerte ca. eine Viertelstunde) zurücklief. Sie stand unverändert dort...... Huaaaarrrrrrrr, irgendwie gruselig.
Solskin - 31. Mai, 19:52
Tja, es ist mal wieder soweit.

Solskin - 23. Mai, 13:53
Als ich ein kleines Kind war, ein sogenanntes "Omagezogenes", wie die alten Leute in meiner Heimatgegend sagen würden, war meine Mutter nur halbtags beschäftigt: Zwei Wochen des Monats ging sie arbeiten und zwei Wochen war sie komplett zuhause. Damals gab es Essen, das mir schmeckte, weil meine Mum wusste, was ich esse und was ich nicht will. Als ich dann aber alt genug wurde um als Schlüsselkind keinerlei Probleme mehr zu bereiten, ging meine Mutter wieder Vollzeit arbeiten. Eigentlich hat mich das nie gestört und ich bin auch deswegen kein völlig sozial gestörtes Kind geworden (das hat andere, für diesen Eintrag aber unnötige Ursachen). Die Welt wäre völlig ok gewesen, gäbe es nicht das Schinkenpizzaproblem:
Eines Tages sagte meine Mutter kurz bevor sie aus dem Haus ging, dass sie später nach Hause käme, aber für jeden eine Pizza mitbringe. Welche ich denn haben wolle. Ich antwortete klar und deutlich, dass mir jede Pizza recht sei, AUSSER einer Schinkenpizza, da ich Schinken nicht mag. Für mich war die Sache also geregelt, alle waren zufrieden, ich würde meine Pepperonipizza oder so bekommen und gut. Als ich abends von der Schule kam, die Tür aufschloss und unser Haus betrat, roch ich schon die Pizzen im Ofen. In der Küche stand meine Mum, erschöpft von der Arbeit und erwähnte beiläufig: Achja, deine Schinkenpizza is jeden Moment fertig.
ZONK
Ich war platt. Wirklich. Ich hatte doch gesagt, ich wolle KEINE Schinkenpizza. Aber ich beruhigte mich und dachte: kann ja mal passieren, immerhin is sie gestresst. Ich tauschte Pizza mit meinem Pap und gut.
Seitdem bekam ich IMMER und IMMER WIEDER Schinkenpizza mitgebracht. So lange, bis ich mir konsequent immer meine eigene Konkurrenzpizza kaufte und meine Mutter den Pizzakauf schließlich ganz einstellte.
[8 Jahre später]
Das Pizzaproblem innerhalb meiner Familie (dehnte sich im Übrigen noch auf weitere Bereiche, beispielsweise Haarshampoo und Fruchtjoghurt aus und wurde gelöst, indem ich mir bereits mit 17 fast immer nebenher mein eigenes Essen, Shampoo usw. kaufte) ist lange vergessen, ich lebe lange nicht mehr zuhause und alles ist ok. Alles, was den Kühlschrank betrifft.
In einem ganz anderen Lebensbereich hat das Schinkenpizzaproblem eine symbolische Dimension erreicht. Ich spreche von meiner Arbeit. Seit meine alte direkte Chefin weg ist, kriege ich von meinem Arbeitgeber am laufenden Band Schinkenpizza serviert, getreu dem Motto: ach, auf ihrem Zettel stand doch, dass Sie an demunddem Tag unbedingt arbeiten wollen, oder etwa nicht? Wie, Sie haben Donnerstag Abend Uni? Wir haben Sie doch aber für Donnerstag eingetragen zu arbeiten? Da haben wir aber keinen Zettel von Ihnen gelesen....
So oder so ähnlich geht es seit nunmehr zwei bis drei Wochen. Ich verteile im Vorfeld Zettel, wann ich NICHT arbeiten kann, damit das alles rechtzeitig eingeplant wird und es keine Probleme gibt und ich vor allem meinen Kollegen keine Probleme bereite. Und ganz grundsätzlich stehe ich seit diesen zwei, drei Wochen IMMER!!!! an den Tagen auf dem Plan, für die ich bereits lange vorher abgesagt habe. Werden meine Zettel ignoriert? Falsch verstanden? Mag man mich in der Chefetage nicht? Was soll ich also tun? Ich kann nicht jede Schicht verschieben, nur werde ich bei zweien wieder gezwungen sein, genau das zu tun.
Manchmal wünsche ich mir das original Schinkenpizzaproblem zurück: ich würde sie mittlerweile auch echt gerne essen, ehrlich!!
Solskin - 16. Mai, 22:21
Uns schöner Stadt ist mediterran geworden. Seit mehreren Wochen scheint ununterbrochen die Sonne, das Leben verlagert sich auf die Straßen, wo man auch hingeht, die Menschen sitzen auf Parkbänken, Wiesen, in Cafés und auf Plätzen, tonnenweise wird das Eis geschleckt, kalte Getränke und Fruchtiges gekauft. Busweise werden die Touristen ins Städtchen gekarrt, bleiben mit vielen Ohs und Ahs und gezückten Fotoapparaten vor den antiken Bauwerken stehen, Kolonien weiß bemützter Menschen mit weißen Shorts, lachsfarbenen Tops, Sonnenbrillen und Minirucksäcken. Straßenmusiker dudeln die überquellende Fußgängerzone zu, die Billigmaler machen ein gutes Geschäft, die Optiker und Sonnenbrillenanbieter sowieso.
Abseits der Hauptstraßen duften die blühenden Flieder, wachsen Ozeane voller Gänseblümchen, zwitschern Vögel um die Wette. Der Fluß kriecht träge dahin, es gibt keinen Windhauch, der seine Gewässer aufwühlen könnte. Vor allem abends spürt man das Mittelmeer so weit drinnen in Deutschland, mitten auf dem europäischen Festland: Vier Männer in Sommerkleidung und Hüten spielen auf einem körnigen Sandplatz Boule, die Menschen im benachbarten Café genießen bei Fackellicht die Restwärme des Tages, von irgendwo schallt sommerliche Musik. Geht man weiter, kommt man auf einen anderen Platz, zu einem anderen Straßencafé. Junge Menschen unterhalten sich bei Teelichtschein und Cocktails. Etwas abseits sitzen zwei junge Männer und spielen Gitarre in die abendliche Ruhe hinein. Das einzige, was etwas stört, sind die ab und zu vorbeifahrenden Autos.
Uns schöner Stadt könnte friedlich in den viel zu frühen Sommer hineingleiten. Doch gestern Abend wurde die Sommerlust durch Brandstiftung unterbrochen. An der Uni wurden, wie bereits im letzten Jahr, mehrere Autos mutwillig angezündet. Dieses Mal waren drei Kleinwagen davon betroffen, ein Fiesta, ein Polo und noch ein anderer Wagen. Die Tat geschah in unmittelbarer Nähe der Uniwohnheime, laut Aussage einiger meiner Freunde in Sichtweite der Wohnungen. Ich selbst war nicht persönlich dabei, Freunde erzählten mir von dem Chaos, das die Brände verursacht haben. Die Bewohner der Wohnheime waren udn sind in heller Aufruhr, niemand weiß, wieso die Wagen angezündet wurden. Und ich frage mich: wieso tut man so etwas? Wie ist Vandalismus eines solchen Ausmaßes zu erklären und zu verstehen? Sicher kennen und mögen wir Filme wie Fight Club und sicherlich haben wir das ein oder andere Mal gedanklich an der Rebellion gegen die herrschenden Verhältnisse teilgehabt. Doch würden wir deswegen die Autos wildfremder Menschen in Brand setzen? Was können die Motive für ein derartiges Handeln sein? Neid? Chancenlosigkeit? Das Fehlen eines Platzes in der Welt/Gesellschaft? Oder, und das wäre am Schlimmsten: Langeweile?
Es macht mich sehr wütend, vor allem, weil es nicht zum ersten Mal passiert ist. Und es ist gut möglich, dass es auch nicht das letzte Mal war...
Solskin - 27. Apr, 13:55
Da bin ich nun, bei meinen Eltern, über Ostern.
Wenn mir die Stadt, in der ich studiere, auf den Wecker geht und ich das Bedürfnis nach einem Tapetenwechsel habe, kehre ich hierhin zurück. Hierhin, das bedeutet: Land, Landleben, ein Dorf, das etwa 2000 Einwohner hat, in dem jeder jeden kennt, in dem die Jugend erwachsen wird, dann merkwürdigerweise meistens bleibt, Häuser baut, Kinder bekommt. Ein Dorf, in dem es elementare Bedeutung hat, welche Farbe die Stiefmütterchen auf den Gräbern auf dem Friedhof haben und wer gerade gestorben ist. Obwohl es einen relativ großen Supermarkt, vier Bäckereien, einen Großmarkt für Gartengeräte, einen Frisör, diverse Metzger, Klamottenladen, Ärzte en masse und einen Frisörsalon gibt, scheint bei den Einwohnern die Zeit einfach stehenzubleiben.
Wenn ich hierher komme, bin ich Eindringling. Meine Eltern machen weiter wie jeden Tag, es interessiert nur selten jemanden, wie mein Leben aussieht, wenn die Auszeit zuhause im Dorf vorbei ist und ich wieder dahin zurückkehre, wo ich 90% meiner Zeit verbringe. Es interessiert keinen, was ich so tue, wie mein Studium läuft, ob ich Freunde habe, wie es mir geht. Irgendwie deprimiert es mich. Meine Eltern haben mich nie wirklich umsorgt. Ich lebe noch, klar, sie haben auf mich aufgepasst, sie geben mir finanzielle Hilfe, ohne sie könnte ich nicht so leben wie ich lebe.
Aber sie lassen mich völlig "alleine", was mein wirkliches Leben betrifft. Sie vertrauen meiner Selbstständigkeit, sagen sie. Sie wissen, dass mir nichts schlimmes passieren wird, denn immerhin haben sie mich so erzogen, dass ich mich alleine zurechtfinde. Schon als Kind ist nie jemand sofort aufgesprungen um mir zu helfen, wenn ich mal ein kleines Problemchen hatte. Zuerst sollte ich selbst versuchen, es zu lösen. Im Grunde bin ich ihnen mehr als dankbar dafür. Ich brauche keine übertriebene Fürsorge und Betüdelung.
Doch wo ist die Grenze zwischen "Wir machen uns keine Sorgen um das Leben unserer Tochter" und echtem Desinteresse? Manchmal erscheint sie mir verwischt, denn manches Mal wünschte ich, einer von ihnen würde mal alle Dorfbelange beiseite schieben, sich zu mir setzen und fragen: Was ist eigentlich aus unserer Tochter mittlerweile geworden?
Irgendwie habe ich allerdings das Gefühl, dass das so schnell nicht passieren wird. Dennoch werde ich immer wieder mal hierher zurück kommen, in dieses Dorf. Ich werde ein paar Tage bleiben und dann wird es mich wieder wegziehen, so wenig gehöre ich hierher.
Aber sagt es ihnen nicht!
Solskin - 6. Apr, 18:50